Praxismanagement
Starke Signale

Digitale Medizin Apps im medizinischen Alltag – für manche Ärzte noch immer eine Horrorvision. Doch Gesundheits-Apps sind mehr als Dr. Google: Unter der wachsenden Zahl an Mini-Programmen gibt es einige hilfreiche Lösungen. Und sie setzen sich immer weiter durch.
Text: Romy König
Hochkonzentriert starrt Lea auf den Bildschirm: Das Mädchen muss die kleine orangefarbene Katze bewegen, sie so steuern, dass das Tierchen möglichst viele Punkte sammelt, und dabei noch darauf achten, dass es nicht von den Hunden geschnappt wird. Die Lichtstreifen, die während des Computerspiels zusätzlich senkrecht über den Monitor flimmern, nimmt die Fünfjährige kaum wahr – doch sie sind es, die Leas Augen heilen können.
Denn Lea schielt. Das Mädchen leidet an Amblyopie, einer neurologischen Sehstörung, von der etwa drei bis fünf Prozent der Kinder betroffen sind: Ein Auge ist bei diesen Kindern schwächer als das andere, muss also besonders trainiert werden. Konventionell wird dazu das stärkere Auge täglich für ein paar Stunden mit einem Pflaster zugeklebt, die Sehleistung also vom schwächeren Auge eingefordert. Doch Studien zufolge hilft diese sogenannte „Okklusionstherapie“ bei etwa einem Drittel der Fälle nicht – zumindest nicht allein. Für sie gibt es nun die orangefarbene Katze.
Erste App auf Rezept
Entwickelt hat das Therapie-Spiel, bei dem driftende Wellen im Hintergrund das schwache Auge stimulieren und für das es neben der Katzenversion noch weitere Varianten gibt, das Potsdamer Start-up-Unternehmen Caterna Vision. Das Programm läuft über das Internet, Augenärzte können es ihren Patienten verordnen. Denn „Caterna“ ist die deutschlandweit erste Medizin-App, für die sich Krankenkassen bereit erklärt haben, die Kosten zu erstatten. Im Rahmen eines Selektivvertrages zahlt die Barmer seit Anfang 2014 für das Spiel, einige Betriebskassen und private Versicherungen wie HanseMerkur und Axa folgten: „Damit setzen wir ein starkes Signal für den Aufbruch unseres Gesundheitssystems in die Welt der Internetmedizin“, begründete der damalige Axa-Vorstand Wolfgang Hanssmann 2014 die Entscheidung für die Kostenübernahme.

Tresor für eigene Patientendaten
Es steht fest: Apps verändern die Medizin. Sie schaffen – wie im Fall der sehgeschwächten Kinder – neue Behandlungsformen, und haben im Einzelfall sogar einen solchen Therapienutzen, dass sie auch Kostenträger überzeugen. Doch sie können auch die Schnittstelle zwischen Arzt und Patienten besetzen. Das etwa will die Anwendung „Lifetime“, entwickelt von dem Mediziner und Softwareentwickler Johannes Jacubeit. Als der gelernte orthopädische Chirurg noch als Arzt arbeitete, ärgerte er sich regelmäßig über Patienten, die Unterlagen wie Röntgenbilder oder Medikationspläne zu Hause vergessen hatten. Zusätzlich habe es ihn damals „überrascht, wie wenig die digitalen Möglichkeiten im medizinischen Alltag genutzt werden“. Jacubeit stieg aus der kurativen Medizin aus, gründete das Start-up Connected Health und erfand die App „Lifetime“: ein Mini-Programm, das als eine Art digitaler Tresor für alle persönlichen Patienteninformationen dient.
Arzt ist in Medizin-Apps eingebunden
Das Besondere: Die Daten bleiben lokal auf den Smartphones der Patienten gespeichert, werden nur im Bedarfsfall mit dem jeweiligen Arzt ausgetauscht. Technisch geschieht dies über eine spezielle Hardware, den sogenannten „Lifetime-Hub“, ebenfalls entwickelt von Jacubeit: Über den handtellergroßen weißen Kasten, für knapp 20 Euro im Monat vom Arzt zu leasen, werden die medizinischen Dokumente zwischen Praxiscomputer und Patientenhandy übertragen – lokal, verschlüsselt und über Bluetooth, eine Verbindung zum Internet ist nicht nötig. Eine zugrundeliegende Software erlaubt eine Zwei-Faktor-Authentifizierung mittels Versichertennummer und Handynummer des Patienten. Der Nutzer kann die Daten über die App verwalten, sortieren – und hat sie immer zur Hand, etwa um sie für einen anderen Arzt freizugeben. Auch beim Therapie-Spiel „Caterna“ ist der verordnende Arzt nicht außen vor: Er erhält einen Praxisaccount und damit einen persönlichen Online-Zugang zur „Caterna“-Therapieplattform im Internet. Zwar absolvieren die jungen Patienten ihre Sehübungen in der Regel zu Hause – doch der Mediziner kann den Therapieverlauf verfolgen und die Behandlung so steuern.
„Health-App ist nicht gleich Health-App.“ Anwendungs- und Funktionsumfang sowie Risiken von Apps gehen oft „weit auseinander“.
Wie vertrauenswürdig sind Apps?
Es sind Lösungen wie „Lifetime“, aber auch digitale Präventionsanwendungen oder Chroniker-Apps, die sich HealthOn ganz genau anschaut: Der Freiburger Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, Gesundheits- und Medizin-Anwendungen zu prüfen, sie zu bewerten und einzuordnen. „Health-App ist nicht gleich Health-App“, sagt Vereinspräsidentin Ursula Kramer. Anwendungs- und Funktionsumfang sowie Risiken von Apps gingen oft „weit auseinander“. „Jeder Nutzer muss sich die Frage stellen, wofür und wie häufig er eine Gesundheits-App nutzen will, und dann risikoorientiert Qualitäts- und Transparenzkriterien prüfen.“ Dabei wolle der Verein helfen. Gut 7.000 Health-Apps listet HealthOn nach eigenen Angaben mittlerweile in einer Datenbank, für mehr als 700 Apps wurden online einsehbare Testberichte verfasst und Risikoklassen vergeben. Ärzten bietet HealthOn zudem in einem geschlossenen Bereich Fachinfos zur jeweiligen App, etwa zur Erstattung, zu Usability-Tests und zur Studienlage.

Denn zwar gibt es in der EU Zertifizierungsverfahren, die sowohl Verbraucher als auch Arzt eine gewisse Sicherheit vermitteln – so ist „Caterna“ ein nach dem Medizinproduktegesetz (MPG) zertifiziertes Medizinprodukt, „Lifetime“ hat sich seinen Datenschutz und die Datensicherheit von ePrivacy zertifizieren lassen –, doch gerade bei Apps, die nicht unter das MPG fallen, weil sie eher dem Wellnessbereich zuzuordnen sind, sind weitere Einschätzungen hilfreich. Zum Beispiel bei Apps für Zuckerkranke: „Die meisten Diabetes-Apps bieten drei und mehr Unterstützungsfunktionen“, so Kramer. Damit wachse aber nicht nur deren Nutzen, „sondern auch das potenzielle Risiko“. Mehr als die Hälfte der untersuchten Diabetes-Apps ordne HealthOn der – nach eigenem System ermittelten – höchsten Risikoklasse zu, etwa, weil hier Gefahr bestehe, dass „persönliche Gesundheitsdaten nicht verantwortlich geschützt“, „gesundheitsbezogene Informationen nicht richtig“ dargestellt werden oder „Berechnungen oder Auswertungen der App falsche Ergebnisse“ liefern.
Blutdruck-Apps am beliebtesten
Laut einer HealthOn-Erhebung werden derzeit Apps, die auf die Gesunderhaltung abzielen, deutlich häufiger nachgefragt als Apps zur Krankheitsbewältigung. „Das Feld führen Ernährungs-Apps an“, so Kramer, die dafür 286 Millionen Downloads analysiert hat. In den Apps für Chroniker wiederum erreichen Blutdruck-Apps die höchste Nachfrage, danach folgen Diabetes-Apps. Doch auch die Arzt-Patienten-Kommunikations-App „Lifetime“ ist gut auf Kurs: Seit anderthalb Jahren ist die App in ihrem ersten Testmarkt Hamburg verfügbar, und schon jetzt nutzen 270 Praxen der Hansestadt das System. Außerdem wurde es laut Unternehmen mehr als 15.000 Mal heruntergeladen. Seit diesem Sommer steht die App bundesweit zur Verfügung.
Dass aber die Zeit für Medizin-Apps langsam reif ist, lässt sich vielleicht am besten an „Caterna“ ablesen. Als sich das Unternehmen, damals noch eine Auskopplung der Technischen Universität Dresden, zum ersten Mal mit seiner Idee der digitalen Sehschule an Kassen und Ärzte wandte, stieß es auf Abwehr: Zu langsam drehte sich damals noch der Gesundheitsmarkt, zu skeptisch waren die klassischen Augenärzte – die kleine Firma musste Insolvenz anmelden. Das war vor fünf Jahren. Mittlerweile – und nach einem Firmenneustart – wird die Online-Sehschule von mehr als 200 Praxen und Kliniken angeboten; über 500 Behandlungen wurden durchgeführt. Der Zug ist ins Rollen gekommen.
